December #10

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Mai 2019 Part II

„Der Road Trip Anfang Mai war erst der Anfang. Ich wusste, was mir für ein aufregender Monat bevorstand und doch konnte ich es nicht ganz glauben. Der Mai ist nun, wo ich das gerade schreibe, schon lange vorbei. Doch trotzdem möchte ich den Rest zu Papier bringen. Irgendwie habe ich Angst, dass ich irgendwann all das vergesse. Je mehr Erinnerungen dazu kommen, desto mehr fürchte ich das Verblassen von alten Erinnerungen. Was hilft da besser, als sich alles von der Seele zu schreiben?
Am 8. Mai habe ich wieder einmal meine Koffer gepackt, um JJ ein letztes Mal in Portland zu besuchen. Ein letztes Mal, bevor es dann im Juni wieder zurück nach Deutschland geht. Dieses Mal haben wir etwas anderes vor. Wir gehen campen. Wir haben nichts geplant, wir wissen nicht wohin, aber als ich aus dem Flieger steige und nach draußen zu seinem Auto laufe, sehe ich den großen Wagen gefüllt mit Luftmatratze, Essen, Zelt, Bier, einem Grill und jeglichen anderen Dingen die man zum Campen gebrauchen könnte und weiß, egal wohin er mich entführt, es wird wunderbar. Auf dem Beifahrersitz liegen meine Lieblingsdonuts, es läuft unser Song und er hat mein liebstes Bier „Blue Moon“ zusammen mit einer Orange oben drauf im Getränkehalter für mich stehen. Er erzählt mir wo wir ungefähr hinfahren – mir ist es sowieso egal, weil ich mich nicht auskenne – und somit fahren wir einfach los, obwohl es nach Mitternacht und schon stockfinster ist. Wir fahren und fahren und fahren. Mindestens 2 Stunden. Wir sind schon lange raus aus der Stadt, als ich, wie sollte es auch anders sein, Pipi muss. Er hält an und wir steigen beide aus, als ich nach oben in den Himmel schaue und die Millionen von Sternen sehe. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viele Sterne gesehen. Ich sage zu ihm, er solle sich unbedingt den Himmel anschauen, als er ums Auto rumläuft und zu mir kommt. Dann küsst er mich und drückt mich sanft gegen das Auto. Und in diesem Moment fühlt es sich zum ersten Mal so an, als würde die Zeit stehen bleiben. Und es fühlt sich auch so an, als würden wir Stunden dort stehen und uns küssen, auch wenn es vielleicht nur ein paar Sekunden sind. Und in diesem Moment wird mir zum ersten Mal das Ausmaß der ganzen Situation bewusst. Ich brauche mir nicht länger vormachen, dass ich nur „ein bisschen“ verknallt bin. Das ist mehr als nur ein bisschen und es wird auch sehr viel mehr weh tun als nur „ein bisschen“, wenn ich in 1 ½ Monaten wieder nach Deutschland muss.
Als wir weiterfahren, kommen wir ungefähr eine halbe Stunde später am Meer an. Die erste Nacht, haben wir beschlossen, verbringen wir dort. Es ist nicht erlaubt einfach irgendwo zu campen, aber sonst wäre es ja auch langweilig, oder?
Es ist nur leider nicht so einfach, einen Zugang zum Meer zu finden, der nicht bewacht oder bewohnt ist, ohne Häuser drum herum oder sonstiges. Eine Zufahrt finden wir jedoch, es steht zwar ein Schild, dass Campen und Autos dort nicht erlaubt sind, aber er fährt trotzdem rein. Ich habe absolut null Plan wo ich bin, ich habe vergessen meinen Ersatzakku zu laden und Empfang habe ich auch keinen. Es ist dunkel, stockdunkel, ich bin irgendwo am Meer in Oregon und plötzlich passiert es und er bleibt mit den Reifen im Sand stecken. Nun gut, dann soll es wohl so sein. Etwas weiter entfernt sind ein paar kleine Häuschen und ein Wohnmobil, aber die sind weit genug entfernt, dass sie uns zumindest noch nicht bemerken werden. JJ kümmert sich darum die Matratze aufzublasen, ich stehe eigentlich einfach nur im Sand und starre wieder in den Himmel. Die Sterne haben sich gefühlt nochmal verdoppelt. Als unser „Bett“ aufgebaut ist entschließen wir uns heute Nacht ohne Zelt und nur auf der Matratze zu schlafen. Er stellt die Musikbox neben die Matratze, macht leise Country Musik an und gießt uns in unsere Becher etwas Rum und Cola. Dann küsst er mich endlich wieder und alles was ich mir wünsche, ist dass diese Nacht niemals enden wird.
Und so verbringen wir die Nacht am Meer. Irgendwann gegen halb fünf schlafen wir ein. Ich werde ab und zu kurz wach, als die Sonne anfängt aufzugehen und uns gnadenlos ins Gesicht scheint. Irgendwann zieht JJ einfach die Decke über unsere Köpfe und so schlafen wir noch etwas weiter. Gegen 8 ist die Nacht allerdings vorbei, weil ich mit einem Stock in die Rippen gepiekt werde. „GOOD MORNING! HELLO? WAKE UP.“ Diese Stimme kenne ich nicht. Ich bleibe einfach unter der Decke. JJ streckt seinen Kopf zuerst hervor. Ich traue mich nicht zu schauen, vielleicht ist es ja die Polizei? Zum Glück ist sie das nicht, sondern nur eine Anwohnerin, die uns bittet den Strand zu verlassen, da wir sonst 1000$ Strafe zahlen müssen. Also bauen wir unser Lager ab und fahren weiter.
Erst wird gefrühstückt in einem winzigen Lokal und dann geht es weiter nach einem neuen Quartier für die Nacht suchen. Es wird diesmal tatsächlich ein offizieller Campingplatz, wir bezahlen brav Eintritt und machen es uns gemütlich. Der Campingplatz liegt ebenfalls direkt an einem Strand, der ist aber gut besucht und Privatsphäre hat man hier nicht wirklich. Wir verbringen den Tag indem wir uns von einem Gespräch ins nächste Reden, Bier trinken, ein Lagerfeuer und S’mores machen, schwimmen gehen im eiskalten pazifischen Ozean und am Strand einen Mittagsschlaf machen. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der mich mein Handy so vergessen lässt wie JJ. Es ist unglaublich. Wir können uns stundenlang unterhalten und ich bin weder gelangweilt noch vermisse ich mein Telefon. Wie oft ich mir gewünscht habe ich könnte einfach die Zeit anhalten.
Jeden Abend dachte ich, es könnte nicht schöner sein. Jeder darauffolgende Abend hat mir gezeigt, dass es doch noch schöner geht. Nach der Nacht auf dem offiziellen Campingplatz wollte JJ nun aber endlich einfach IRGENDWO campen. Ich hatte ja immer noch die Hoffnung, dass er einen nicht ganz so abgelegenen Platz aussuchen würde, da meine Angst vor Bären und Wölfen ziemlich real ist. Tja, es wäre kein Abenteuer, wenn wir nicht doch irgendwo im nirgendwo gelandet wären. Die Erinnerungen an den Campingtrip werden mich für immer glücklich machen. Am dritten Tag campen wir also mitten auf einer Lichtung in einem Wald und das auf einem Berg. Gefunden haben wir diese Stelle nur, weil JJ gern in abgelegene Wege reinfährt und schaut wo sie hinführen. Ich habe definitiv zu viele Horrorfilme aus den USA gesehen und befürchte natürlich, dass wir entweder von Wölfen gefressen oder von einem Serienkiller heimgesucht werden. Nichts dergleichen ist passiert. Aber die Befürchtung war ab und zu doch da. Wir sehen jeden Abend die schönsten Sonnenuntergänge und sobald die Sonne untergegangen ist, ist das einzige Licht das Feuer, welches JJ aus gesammeltem Holz gemacht hat.
Alles fühlt sich so einfach an. So leicht. Niemand weiß wo wir sind, wir wissen es ja selbst nicht mal genau. Wir haben beide keinen Empfang und selbst wenn wir welchen hätten, wären wir nicht am Handy. Wir küssen stundenlang, kriegen nicht genug voneinander und ich kann nicht aufhören zu grinsen. Er spürt das natürlich während er mich küsst und fängt selbst an zu lächeln. Das Wort „perfekt“ nutze ich nicht oft, aber wenn etwas perfekt ist, dann diese Momente mit ihm.
Keine Bilder und Videos können das festhalten. Nicht im Entferntesten. Das sind Erinnerungen, die uns beiden gehören. Die nur wir kennen, die niemals jemand anders so erleben wird und die egal wie sehr ich es versuche, ich nie jemandem so beschreiben könnte wie es war. Nachts im Zelt, wenn das Feuer aus und das einzig helle das Leuchten der Sterne war, dann hab‘ ich mich sicher gefühlt, weil JJ so laut schnarcht, dass sich kein Bär und kein Wolf auch nur an das Zelt ran getraut hätte. Ich hätte mir selbst übrigens auch nicht zugetraut, dass ich mal irgendwo campe, wo es keine Toilette oder irgendeine Form von Steckdosen gibt.

Der nächste und letzte Campingtag/nacht sollte mir dann wieder mal zeigen, dass es doch immer noch schöner geht. Ganz oben. Ganz, ganz oben auf einem Berg, mit Blick über Wälder und Flüsse, genau dort schlafen wir in der letzten Nacht. Als wir ankommen ist noch strahlender Sonnenschein und wir bauen das Zelt auf, machen ein Feuer an und trinken das erste Bier. JJ spielt immer wieder einen bestimmten Song, schon die ganzen letzten Tage und ich möchte unbedingt wissen wie er heißt. Als ich ihn frage, ihm aber nicht sagen kann worum es in dem Lied geht, sagt er, ich soll Bescheid sagen, wenn ich es wieder höre. Wir hören jeden Tag und jede Sekunde Country Musik. Es dauert keine 20 Minuten, da läuft der Song wieder und von dieser Sekunde an ist das auch das einzige Lied was wir hören, bis beide Handys von uns komplett leer sind und die Musik komplett verstummt. Als ich das Lied wieder höre, sage ich zu ihm „DAS IST ES!“ und er freut sich darüber, wie sehr ich das Lied mag. Er küsst mich, drückt mich (wieder mal) gegen das Auto und wir küssen uns das komplette Lied durch. Es ist so warm an diesem Tag, die Sonne brennt auf der Haut und die Tatsache, dass er mich immer näher an sich drückt und unsere Küsse immer leidenschaftlicher werden macht es noch wärmer. Dieser Tag ist für mich einer der schönsten, wenn nicht sogar der schönste in 2019. Alles ist perfekt. Der Berg, der Campingspot, der Sonnenuntergang, die Zweisamkeit, seine Küsse und Berührungen, unsere Gespräche. Ich konnte nicht anders, ich musste mich einfach verlieben. Ich hatte gar keine Wahl. Es ist einfach so passiert, als ich es am wenigsten wollte. Aber er hat mir keine Wahl gelassen, er hat mich in seinen Bann gezogen. Mit seiner Leichtigkeit, mit der Lebenslust und mit diesen wundervollen Momenten die er mir beschert hat und die mich so unglaublich glücklich gemacht haben, so ein Gefühl von Glück was ich vorher noch nie gespürt habe.
Und das genau das sind die Gründe, weshalb ich diesmal beim Abschied so sehr geweint habe. Ich wollte nicht, dass unserer gemeinsame Zeit vorbei ist. Nach dem Campingtrip ging es zwar noch für 3 Tage in ein AirBnb und zu seiner Familie, aber meine Angst ihn nie wieder zu sehen war größer als je zuvor.
Der letzte Abend.
Ich packe meinen Koffer, JJ liegt im Bett. Plötzlich springt er auf und geht ins Badezimmer. Er kommt wieder raus, hat aber plötzlich ein anderes Shirt an. Er kommt zu mir, kniet vor mir nieder und sagt: “Wenn du möchtest, dann kannst du mein Lieblingsshirt mitnehmen und ich borge es dir, bis ich dich in Deutschland besuchen komme.“

Der nächste Morgen.
Wir sind am Flughafen, ich kann mich noch gut zusammenreißen. Wir verabschieden uns, wissen beide, dass wir uns so wie es aussieht erst in Deutschland wiedersehen werden. Wenn das überhaupt passiert. Wer weiß das schon? Ich nicht. 
Kaum ist er gegangen und ich stehe in der Schlange, kommen mir die Tränen. Ich will nicht gehen! Ich schreibe ihm „Can you come back for another kiss please?” Und zwei Minuten später steht sein Auto wieder im Halteverbot und wir haben nochmal zwei Minuten um uns zu küssen und zu verabschieden.
Dann muss ich wirklich los, und als ich diesmal in der Schlange zum Check-In stehe, breche ich richtig in Tränen aus.
Und die einzige Frage die ich mir stelle ist:
Wann sehen wir uns wieder?“

4 comments on “December #10”

  1. Sooo schön geschrieben & ich konnte richtig mitfühlen 🥰
    Da muss man doch die Liebe lieben ♥️
    Ganz liebe Grüße
    Caroline

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