December #6

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März 2019 Part II

„Ich hab mit allem gerechnet, aber nicht damit. Mich Hals über Kopf zu verlieben, nachdem ich dachte, ich wäre jetzt gerade allein so glücklich. Wie konnte das passieren? Darf man sich überhaupt nach einer Trennung wieder so schnell verlieben? Irgendwie stellt sich mir diese Frage gar nicht wirklich. Manche Dinge im Leben passieren halt einfach so. Man kann nichts für seine Gefühle. Ich frage mich nur was ich mir dabei gedacht habe, einen quasi Fremden zu besuchen. Ich hab von Anfang an kein bisschen Angst gehabt, ich hatte ein gutes Gefühl, sonst hätte ich auch keinen 5-Tages-Trip gebucht. Ein bisschen Risiko ist zwar trotzdem immer dabei, aber ich höre gerne auf mein Bauchgefühl. Und mein Bauch hatte Lust auf ein Abenteuer. Ich glaube, das waren die schönsten fünf Tage meines Lebens. Am ersten Tag waren wir so gut wie fremd. Am letzten Tag waren wir verliebt. Ich habe seit Jahren nicht mehr so wenig mein Handy benutzt wie in diesen fünf Tagen. Ich war so wenig am Handy, dass meine Mama schon Esra gefragt hat, ob sie was von mir gehört hat, weil ich einfach nicht erreichbar war. Er hat eine Hütte im Wald für uns gemietet, weil ich irgendwann mal auf Snapchat gepostet habe, dass ich das unbedingt mal machen möchte. Und er hat gesagt, wir gehen Snowboarden. Hatte einfach mal ja gesagt, obwohl ich das noch nie gemacht habe. Ich bin echt nicht das größte Talent was Snowboard fahren betrifft, das habe ich in diesen Tagen gemerkt, aber dafür war’s lustig. Manchmal hab ich 5 Minuten gebraucht um wieder aufzustehen, hab mich gefühlt wie der größte Sack Kartoffeln, während er etwas weiter saß, ein Bier aus der Jackentasche geholt hat und mir dabei grinsend zugesehen hat, wie ich versucht hab mit dem Board wieder aufzustehen. Meistens war er schon unten am Berg und ich bin noch irgendwo auf der Strecke geblieben. Manchmal hat er mich auch einfach von hinten gepackt und ist gemeinsam mit mir den Hang runter, frage mich ob er noch was hört so laut wie ich geschrien habe. Geduldig war er. Egal wie oft ich hingefallen bin. Am ersten Tag sind wir glaube ich nur zweimal den Berg runter in vier Stunden. Natürlich wollte ich möglichst professionell wirken und habe immer ganz fleißig gelauscht, wenn er mir erklärt hat wie man richtig fährt und aufsteht und am besten vom Lift hüpft, leider sah das in der Praxis bei mir nicht ganz so geschickt aus, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber er hatte Spaß. Ich hatte Spaß. Und blaue Flecken. Doch das war’s wert. Hab eh immer davon geträumt mal in Amerika Winterurlaub zu machen und das hat sich dann ganz spontan ergeben. Mitte Februar kam die Nachricht „Come down and I’ll take you snowboarding. First or second weekend of march. You down?“ gemeinsam mit dem Link zur Hütte. Und so wie ich halt bin, hab ich’s gemacht und es hat sich als die schönste Zeit meines Lebens rausgestellt. Es ist der Wahnsinn, wie gut wir uns von der ersten Sekunde an verstanden haben. Ich bin ohne Erwartungen an diesen Trip gegangen, wollte ihn kennenlernen, etwas wagen, mit dem Gedanken, dass es ja ganz cool und lustig werden könnte. Und es war perfekt. Die Hütte lag so abgelegen im Wald, direkt an einem Fluss. Morgens sind wir vom Rauschen des Flusses aufgewacht, von den Vögeln und wenn man aus dem Fenster geschaut hat war alles weiß verschneit. Es war sooo kalt dort, im März, und ich bin komplett ohne Wintersachen nach Amerika geflogen, weil ich ja dachte, ich bleibe größtenteils in Kalifornien im warmen. Das einzig heiße an dieser Hütte war der Whirlpool, der draußen auf der Veranda stand und den wir jeden Abend nach einem Tag auf der Piste genutzt haben. Wir haben unzählige Stunden nur geredet, im Auto, auf der Couch, manchmal haben wir uns auch einfach nur angesehen ohne was zu sagen und trotzdem „kommuniziert“. Noch nie hat jemand so tief in meine Augen geschaut und noch nie war Stille so angenehm. 
Der Abschied am Flughafen war nicht leicht, wir haben gesagt irgendwann sehen wir uns bestimmt wieder. Wann ist irgendwann? Ich bin schweren Herzens zurück geflogen, hab mich tausend mal gefragt was jetzt passieren wird, ob ich das einfach als einmaliges Abenteuer abspeichern soll, oder aber ob es eine Fortsetzung geben wird?
Kurz darauf sitze ich auch schon im Camper meiner Eltern, mitten in Louisiana. Wir sehen jeden Tag andere Orte, andere Städte, jede Nacht schlafen wir woanders. Heute schlafen wir in Alabama. Dieser Roadtrip ist der Wahnsinn, die Südstaaten haben so einen besonderen Flair und besonders New Orleans hat es mir angetan, mit dem mystischen Vibe der von der Stadt ausgeht. Aber meine Gedanken wandern immer wieder nach Portland, nach Oregon und zurück in die kleine Hütte. Ich denke so oft daran, wie wir ein und den selben Song so oft hintereinander gehört haben, dass er direkt zu „unserem“ Song wurde und jedes mal, wenn ich nun dieses Lied höre fühle ich mich in diese Momente zurück versetzt. Ich checke mein Telefon ab nach einer neuen Nachricht. Ich warte auf einen Anruf. Und jedes mal, wenn ich seinen Namen sehe, überschlägt sich mein Herz vor Freude. Gibt es einen richtigen Zeitpunkt um sich zu verlieben? Wenn ja, dann ist gerade definitiv NICHT der richtige Zeitpunkt. Aber was heißt schon „richtig“? Es wird immer etwas geben, dass vielleicht nicht richtig ist. Die Zeit, der Ort, die Umstände. Was, wenn die Gefühle an sich aber richtig sind? Sollte man nicht dafür kämpfen? Dem ganzen eine Chance geben? Nichts ist unmöglich, wenn man es wirklich will. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

4 comments on “December #6”

  1. Es ist das beste Buch, dass ich momentan lese 😍. Und diese Hütte, ich weiß warum ich mein Jahr dort sooo geliebt habe und mit dir, kann ich nochmal dort hin reisen. Danke dafür 😊

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