December #12 Pt. I

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Juni 2019, Part II

„Wer hätte ahnen können, wie dieser Juni verläuft? Ich nicht. Aber naja, doch, irgendwie schon, aber dann doch wieder nicht so. 
Vegas hat mir gut getan. Claudia hat sich so gut um mich gekümmert, ich hätte mir wirklich kein besseres Ende für mein Auslandssemester vorstellen können.
Wir haben noch im Mai einen unglaublichen Road-Trip gemacht. Wir waren in unzähligen Nationalparks, an Orten, die ich schon immer sehen wollte und niemals gedacht hätte, dass sich diese Träume 2019 erfüllen würden. Monument Valley. Ein Ort der für mich so magisch ist, an dem ich die Zeit gerne mal 200 Jahre zurück drehen würde um zu schauen, was damals so im Wilden Westen passiert ist. Egal wo hin du schaust, du siehst überall rote, orangene und rotbraune Steine, Monumente und man fängt sofort an zu fantasieren. Plötzlich sieht man keine Autos mehr, sondern wilde Pferde. Im Norden des US-Bundesstaates Arizona liegt das Monument Valley, welches ausschließlich von den Navajo-Indianern verwaltete wird. Das älteste Gestein dieser Region stammt aus einer Zeit von vor etwa 300 Millionen Jahren. 300. Millionen. Jahre. Es sieht eigentlich mehr aus wie ein Ort, der einem Hollywood Film entsprungen ist. Man denkt, man befinde sich in einer Filmkulisse. Als wir dort waren, habe ich mir direkt gewünscht, noch einmal wiederzukommen. Das nächste Mal aber über Nacht. Ich würde so gern dort campen und den Sternenhimmel sehen. Und irgendwann werde ich mir diesen Traum erfüllen.

Der Road-Trip war relativ kurz und doch haben wir so viel gesehen, sind von Staat zu Staat und von Ort zu Ort gefahren. Sind früh aufgestanden und morgens um 6 durch den Antelope Canyon gewandert, haben unglaubliche Wunder der Natur bestaunt. Wir sind durch den Bryce Canyon gelaufen und wiedermal habe ich mich so klein gefühlt, wenn man vor diesem riesigen Nationalpark steht, Abgründe hinunterschaut, Kilometerweit in die Ferne schauen kann. Von Nevada nach Arizona, nach Utah und wieder nach Arizona und zurück nach Nevada.
Letzter Stop auf unserer Route war der Zion National Park. An der Grenze zwischen Utah und Arizona befindet sich der 579qm große Park, der wunderschöne Wanderwege und Aussichten zu bieten hat. Natürlich musste es regnen, aber dafür hatten wir all die anderen Tage so viel Glück mit dem Wetter. Wir hatten leider auch keine Regenkleidung, geschweige denn Schuhe dabei, aber das hat uns natürlich nicht davon abgehalten wenigstens EINEN Wanderweg zu laufen und uns die wundervolle Natur dort anzusehen.
Es hat leider nicht nur ein bisschen geregnet, sondern ziemlich doll. Auf dem Weg nach oben kamen uns Leute entgegen, die meinten wir sollen vorsichtig sein, oder wenn möglich sogar komplett umdrehen. Viele Leute haben die Wanderung abgebrochen. Manchmal muss man aber Dinge riskieren. Und damit meine ich nicht, dass man sinnlos naiv durchs Leben gehen soll, sondern dass man das Risiko abschätzt und sich fragt, ob es nicht trotzdem eine gute Idee sein könnte.
Es war lustig, der Weg nach oben. Wir sind sehr nass geworden, die Schuhe wurden unendlich dreckig und es war rutschig. Aber die Reise nach oben haben wir trotzdem genossen. Selbst wenn wir hingefallen wären, dann wären wir einfach wieder aufgestanden und weitergegangen. Solche Tage bleiben in Erinnerung und eine Wanderung im Regen vielleicht noch etwas mehr als eine Wanderung im Sonnenschein. Oben angekommen wurden wir mit einer wundervollen Aussicht belohnt, die all den Regen und die nasse Kleidung die mittlerweile an der Haut klebte wieder gut gemacht hat. Nun standen wir dort oben, nass, glücklich und der frische Wind wehte uns um die Ohren. Vor uns die Weiten des Nationalparks, Bäume, Steine, Flüsse, etwas das so langweilig klingt aber zusammen eine unfassbar schöne Szenerie ergibt.
Ich war die ganzen Tage über sehr glücklich und dankbar, dankbar das alles erleben zu dürfen, aber andererseits war mein Herz auch etwas wehmütig, denn ich wusste, ich würde JJ so schnell nicht wiedersehen.
Und was, wenn doch? Ich wollte meine Zeit mit Claudia verbringen, denn sie und ich harmonieren so gut und ich habe so viel Spaß mit ihr. Aber andererseits wollte mein Herz zurück nach Portland. JJ und ich sind so gut wie jeden Abend gemeinsam am Telefon eingeschlafen, wir führten quasi einen Fernbeziehung zwischen Portland und Las Vegas. Aber taten wir das wirklich?

Bis zu diesem Zeitpunkt im Juni hatten wir nicht darüber geredet, „was wir sind“ und das beschäftigte mich mehr als mir lieb war. Ich hatte mir eigentlich schon bei meinem Besuch im Mai vorgenommen ihn zu fragen, aber die Worte wollten einfach nicht aus meinem Mund kommen. So oft lag mir die Frage auf der Zunge, aber ich habe es einfach nicht geschafft es auszusprechen. Die Angst davor, dass er nicht so sehr an uns glaubt wie ich, die war einfach zu groß.

Wir haben jeden Tag telefoniert und geschrieben. Die Tatsache, dass er Feuerwehrmann für Waldbrände ist und jederzeit den Anruf bekommen konnte „Es geht los, die Feuer Saison beginnt und wir brechen auf nach Nevada“ machte das planen eines neuen Treffens unmöglich. Sollten wir es riskieren? Ich redete mit Claudia und beschloss, es tatsächlich zu riskieren und buchte einen weiteren Flug nach Portland. Und ein Airbnb. Das sollte nun der vierte Besuch bei ihm sein und ich war so unglaublich glücklich, als diese Reise gebucht war. Auch wenn ich im Hinterkopf hatte, dass er vielleicht nicht mehr in Portland sein könnte, wenn mein Flieger ein paar Tage später dort landen sollte. Ich hatte also nochmal die Chance, ihn darauf anzusprechen, ob wir eine Fernbeziehung führen werden oder nicht. Ich musste nur mutig genug sein.
Die Tage vergingen und ich erlebte noch einiges mit Claudia. Wir haben noch einen kleinen Road-Trip gestartet, diesmal nach Kalifornien in ein Weingebiet um ein Wochenende lang ein Wine Tasting zu machen. Das war so unglaublich lustig und ist definitiv auch eine meiner liebsten Erinnerungen. Ich habe immer wieder gemerkt, wie unendlich dankbar ich war, all das erleben zu dürfen. Ich habe nicht nur viele verschiedene Orte und Staaten gesehen, sondern auch so viele tolle Menschen kennenlernen dürfen.

Die Tage sind nur so verflogen und es war soweit: auf geht’s zu JJ! Claudia hat mich zum Flughafen gefahren und 3 Stunden später war ich endlich wieder bei ihm. Die Aufregung wurde nie weniger, wenn ich aus dem Flugzeug gestiegen bin, aber die Freude immer größer. Das allerschönste ist es einfach immer wieder in seinen Armen zu sein, der erste Kuss zur Begrüßung, endlich wieder die Möglichkeit zu haben den anderen zu berühren. Dieses Mal hatten wir nicht viel geplant, kein Schnee, kein Camping. Einfach das letzte Mal die Zeit zu zweit genießen. Jeden Tag hätte er auch den Anruf von der Arbeit kriegen können. Zum Glück ist das nicht passiert. Auch ohne Camping und großartige Highlights, war es Highlight genug für mich Zeit mit ihm zu verbringen. Zeit, die wir vielleicht so schnell nicht nochmal bekommen würden. Einen Tag haben wir fast komplett im Bett und auf der Couch verbracht, wir haben uns nur bewegt um eine Pizza und Popcorn zu holen. Wir lagen auf der Couch, haben einen Film geschaut und JJ hat mich mit Popcorn gefüttert. Als es langsam Nachmittag wurde und man merkte, dass die Sonne bald untergehen würde, entschieden wir uns eine Wanderung zu machen. Die Natur in Oregon ist so schön, die ganzen Wälder, Flüsse und Wasserfälle. Die Wanderung war toll, wir haben uns über Gott und die Welt unterhalten und langsam wurde der Tag zum Abend. Danach ging es für uns zu seinen Eltern, wo mich seine Mutter in einer ruhigen Minute fragte, ob wir denn nun ein Paar sind. Ich konnte ihr keine richtige Antwort geben, da ich es ja selbst nicht wusste. Das erinnerte mich auch wieder daran, dass ich ihn das ja eigentlich fragen wollte.
An einem der Abende, kurz bevor es für mich wieder zurück nach Las Vegas ging, da hat er mir einen Wunsch erfüllt und ist mit mir Bachata tanzen gegangen. Ich habe schon lange niemanden mehr kennengelernt, der mich so akzeptiert hat wie er. Er kann nicht tanzen und doch geht er mit mir tanzen, auch wenn die einzigen Schritte die er gelernt hat von mir stammen, als ich ihm, während wir beide betrunken und halb nackt waren, im April versucht habe Bachata beizubringen.
Und der Abend wurde wunderschön. Abgesehen von zwei Liedern, die ich mit anderen Männern getanzt habe, weil JJ gerade auf der Toilette war, habe ich die ganze Nacht nur mit ihm getanzt. Ich wette wir sahen total albern aus auf der Tanzfläche, aber ich hatte die Nacht meines Lebens. Wir haben bestimmt 4 Gläser Rum und Cola getrunken und mit jedem Schluck wurden wir ausgelassener und am Ende hat es sich angefühlt, als würden wir sogar richtig gut Bachata zusammen tanzen, obwohl ich weiß, dass das natürlich nicht sein kann. In diesem Moment habe ich nicht daran gedacht, dass wir uns bald schon wieder verabschieden müssen, ich habe einfach gelebt und geliebt und keine Sekunde daran verschwendet ans Morgen zu denken. Als wir in unser Airbnb zurückgekommen sind, haben wir uns schon beim Betreten wild knutschend in den Armen gelegen. Die Eingangstür führte direkt ins Wohnzimmer, welches auch eine kleine Küche beinhaltete. Er hob mich auf die Arbeitsplatte und küsste mich weiter, während ich meine Beine um ihn geschlungen hatte. Was wir zu dem Zeitpunkt nicht bemerkten, sahen wir dann allerdings am nächsten Morgen. In der Höhe meines Kopfes, als ich auf der Arbeitsplatte saß, war einige Deko an die Wand angebracht, die nun aber nicht mehr auf dem Wandregal in der Küche stand, sondern überall verteilt auf dem Boden lag.

Nachdem wir die Wohnung wiederhergerichtet hatten und mein Koffer gepackt war, ging es für uns als letzten Stop in die Bar, in die wir immer gingen, nachdem er mich vom Flughafen abholte und bevor es für mich wieder Zeit war zu gehen. Die Bar heißt bei uns der „Airport Spot“, auch wenn es nicht wirklich in der Nähe vom Flughafen ist. Am Anfang jedes Trips sind wir froh wieder da zu sein und am Ende, da wollen wir nie zum Flughafen aufbrechen. Ich habe wirklich versucht bis zur letzten Minute zu warten, damit ich am Flughafen direkt in den Flieger kann und ich dort meine Zeit nicht mit Warten verschwende, sondern sie mit JJ nutze. Aber irgendwann half nichts mehr, weil sonst hätte ich den Flug wohlmöglich verpasst. Wir sind Richtung Flughafen gefahren und mir ist bewusst geworden, dass ich ihn weder gefragt habe, noch wissen wir, wann wir uns Wiedersehen. Irgendwann nach der Feuersaison im Oktober vielleicht. Es ist gerade mal Juni, wie soll ich das aushalten?
Im Auto auf dem Weg zum Flughafen habe ich nicht mehr viel geredet. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er wusste es auch nicht. Und dann waren wir auf der langen Straße, an deren Ende ich den Flughafen sehen konnte.
Ich habe zu ihm gesagt: “Weißt du was, wenn du nicht willst, dass ich gehe, dann dreh einfach um. Dann buche ich halt einen neuen Flug.“
Er hat mich ganz ungläubig angeschaut. „Ich meine es ernst, es liegt jetzt in deiner Hand. Wenn du zum Terminal fährst, dann fliege ich, wenn du umdrehst, bleibe ich.“
Nachdem ich es ausgesprochen hatte, bemerkte ich erst, was ich da eigentlich gesagt hatte.
Und er hatte seine Entscheidung längst getroffen.

 

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